am 21. September 2009
Nils hatte mich kürzlich angesprochen, ob ich nicht etwas über den “Advocatus diaboli” schreiben könnte, nach einem kurzen Mailwechsel habe ich “ja” gesagt. Aus dem Mailwechsel darf ich ihn mal kurz zitieren:
Habe nur das Gefühl bei uns im Team, dass Ergebnisse besser durchdacht sind, wenn ich mich pauschal auf die Gegenseite stelle.
Bevor ich versuche zu erklären warum das so ist lohnt sich ein Blick auf den Ursprung des Wortes. Der Begriff stammt aus der katholischen Kirche. Der (wörtlich übersetzt) Anwalt des Teufels hatte die Aufgabe im Verfahren einer Heiligsprechung Gegenargumente vorzulegen warum der Kandidat nicht heilig zu sprechen sei. Der Advocatus diaboli nahm also bewusst eine Gegenposition ein. Die Auseinandersetzung mit seinen Argumenten sollte die Qualität der finalen Entscheidung verbessern.
Soweit die historische Theorie – warum funktioniert das “Advocatus diaboli Prinzip” auch wenn es z.B. um eine technische Entscheidung in einem Entwicklungsteam geht. Was hat eine Heiligsprechung mit der Entscheidung für einen Designentwurf gemeinsam
Spaß bei Seite. Eine Entscheidungssituation ist gekennzeichnet, dass gedanklich mehrere Lösungsansätze im Raum stehen. Ich schreibe bewusst gedanklich, selbst bei einem gut vorbereiteten Brainstorming mit vielen Kärtchen an der Wand wird manche Idee erst im Laufe der Diskussion in den Köpfen der Beteiligten entstehen. Da die Kunst des Gedankenlesens noch nicht sehr weit verbreitet ist bleiben diese Ideen verborgen bis sie ausgesprochen werden. Das klingt trivial ist es aber nicht. Es gibt eine mehrere Hindernisse, die dafür sorgen, dass eine Idee in einer Gruppe nicht geäußert wird. Jede “abweichende” Idee erzeugt im ersten Moment eine Abwehrhaltung. Selbst hervorragend gute und praktikable Ideen erzeugen im ersten Moment Widerstand. Dieses Widerstandsgefühl schlägt auf den Ideen-Aussprecher zurück. Das passiert IMMER bzw. ist so sicher wie das Amen in der Kirche. In einem sehr gut eingespielten Team ist dieses Widerstandsgefühl kein großes Problem und wird sehr schnell überwunden, die Idee findet entsprechend schnell Eingang in die Diskussion. Wenn aber ein Hauch von Unsicherheit im Raum schwebt, kann dieser Widerstand hartnäckig sein, entsprechend schnell wird die Idee zerredet und verschwindet wieder – was bleibt ist Frust. Dieser potentielle Frust ist das eine Hindernis warum manche Idee nicht einmal ausgesprochen wird, die Angst vor dem Widerstandsgefühl ist das andere.
Jetzt kommt der Advocatus diaboli ins Spiel. Er nimmt bewusst eine Gegenposition ein und äußert eine provozierend abweichende Idee. Der Widerstand, der sich im ersten Moment regt, wird damit beim Advocatus diaboli abgeladen, jemand anderes der bisher gezögert hatte seine nicht ganz so radikale Idee zu äußern hat den Rücken frei und rückt seine Idee raus – damit kommt die Diskussion mit neuen Aspekten besser in Schwung. Ggf. muss der Advocatus im weiteren Verlauf noch mehrmals eingreifen und Ideen ins Rennen werfen. Er nimmt schrittweise die Unsicherheit aus dem Spiel in dem er signalisiert, dass Querdenken erlaubt ist – dies kommt dann letztendlich der Qualität der Lösung zu gute.
Das hört sich ganz einfach an. Es gibt aber dennoch zwei Punkte auf die zu achten ist. Es kann nicht jeder den Advocatus diaboli spielen. Der Effekt, dass die Unsicherheit abgebaut wird, tritt nur ein, wenn der Advocatus selbst eine relativ sichere Rolle im Team hat und von anderen weitgehend akzeptiert ist. Wenn der unerfahrene Neuling eine teuflische Idee äußert, erntet er vielleicht Gelächter, vielleicht werden die Augen verdreht aber niemand wird dadurch ermuntert selbst eine gewagte Idee zu äußern. Der zweite Punkt auf den zu achten ist, ist die Dosierung. Wenn dieses Prinzip zu häufig angewandt wird, nutzt es sich schnell ab und verliert seine Wirkung. Der “Advocatus diaboli” wird dann zum “Advocatus diabolicus” d.h. dem teuflischen Anwalt, der scheinbar immer dagegen ist und letztendlich dem Team mehr schadet als nützt.