• Apollo und Projektmanagement

    von am 5. August 2009

    Die erste Mondlandung liegt nun knapp 40 Jahre zurück. Die Jubiläumsfeiern gehen langsam zu Ende – Gelegenheit einen anderen Blick auf das Apollo-Programm zu werfen. Das Apollo-Programm war ein riesiges Projekt, 40000 Mitarbeiter, Milliardenbudget, mehr als 10 Jahre Laufzeit, haufenweise technologische Herausforderungen und ein immenses Risikopotential. Ein Projekt, das eigentlich kaum zu managen war aber dennoch zum Erfolg führte. Woran lag es? Was können wir für ganz normale Projekte daraus lernen. Es war die Vision, das Ziel des Projektes. Dieses Ziel war abartig groß, herausfordernd fast furchteinflößend und dennoch in einem Satz zu formulieren. Lassen wir John F. Kennedy zu Wort kommen:

    … to achieving the goal, before this decade is out, of landing a man on the moon and returning him safely to the earth.

    Eine Vision von bestechender Klarheit. Jede(n) der 40000 MitarbeiterInnen hätte man fragen können “Warum macht ihr das?” und jede(r) hätte geantwortet. Unsere Jungs sollen zum Mond fliegen, landen und wieder heil zurückkommen. Die Klarheit des Ziels ist der erste Schritt zum Erfolg. Obwohl in normalen Projekten immer auf die Klarheit der Ziele gepocht wird sieht die Realität oft anders aus. Hand aufs Herz – in normalen Projekten ist es die Regel auf die Frage nach dem “Warum” eine Multiple Choice Antwort zu erhalten ;-)

    Apollo 11 hat die Vision und den Erfolg geliefert. Apollo 13 liefert Erkenntnisse über Risiken und die kollektive Intelligenz eines Teams. Zuerst zu den Risiken. Die Explosion im Apollo 13 Raumschiff entstand aus der Wechselwirkung mehrerer Ursachen mit einer möglicherweise nicht kommunizierten Spezifikationsänderung. Das ist kein Witz. Tausenden von Ingenieuren und Wissenschaftlern war entgangen, dass zwar die Spezifikation der Thermoschalter in den Sauerstofftanks von 28 auf 65 Volt geändert wurde, die Schalter aber nicht ausgetauscht wurden. Einer der Schalter schmolz aufgrund der hohen Spannung bei der Flugvorbereitung durch und verursachte dann an Bord die Explosion mit den bekannten Folgen, dass Strom und Sauerstoff an Bord knapp wurden. Es lohnt sich zwei Gedanken aus diesem Ereignis mitzunehmen:

    • Es gibt immer etwas was man übersehen hat.
    • Selbst wenn es sich um eine Kleinigkeit handelt kann die Auswirkung riesig sein.

    Und was hat das mit einem Team und kollektiver Intelligenz zu tun? Eine der wichtigsten Ideen bei der Rettung der Crew war es die Sauerstoffaufbereitung (Kohlendioxid-Filter) des Landers und des Mutterschiffs zu koppeln. Eine einfach umzusetzende Idee, wenn die Filteranschlüsse kompatibel gewesen wären. Die einen waren dreieckig, die anderen viereckig, ein Adapter war natürlich nicht an Bord. Hier drängt sich der Gedanke auf, dass bei der Spezifikation der Systeme vielleicht nicht ausreichend kommuniziert wurde ;-) Nun aber zur Lösung des Problems. Das Problem wurde zuerst exemplarisch auf dem Boden gelöst. Dieses Meeting von technischen Spezialisten der Apollo Mission ist die Mutter aller Teamübungen – bei Teamentwicklungsmaßnahmen spricht man heute noch von einer NASA-Übung. Dieses Meeting zeichnet sich wiederum durch glasklare Ziele sowie eine materielle und zeitlich Begrenzung aus:

    Wir müssen innerhalb weniger Stunden, diese zwei Anschlüsse verbinden. An Material steht nur das zur Verfügung was auf dem Tisch liegt.

    Auf dem Tisch lagen die entbehrlichen und losen Teile, die in einer Apollokapsel zur Verfügung standen. Mit zerschnittenen Plastikteilen, der Kunststofffolie des Bordbuch-Einbandes und Klebeband entstand der Adapter, der das Überleben der Crew ermöglichte. Das zusammengewürfelte Team hatte Erfolg. Die Ideen der einzelnen vereinten sich konstruktiv zu einer Lösung, die im ersten Moment nicht für möglich gehalten wurde.

    Eine klare Aufgabe ist immer der Einstieg in eine konstruktive und lösungsorientierte Teamarbeit. Auch in ganz normalen Projekten können Krisen kreativ gelöst werden. Manchmal ist Projektmanagement nur eine Aneinanderreihung vieler NASA-Übungen ;-)

    Dr. Eberhard Huber projekt (B)LOG: Selbstständiger Berater für Projektmanagement. Projektmanagement, Kommunikations-Training, Gruppendynamik und Teamentwicklung in Forschung, Lehre (Universität Mannheim, ...

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    16 Kommentare »


    • Nils Langner
      am 5. August 2009 um 07:23 Uhr

      Teamworkfähigkeit ist leider eine Eigenschaft, die ich oft vermisse. Es behaupten zwar alle, dass sie gerne im Team arbeiten, aber ich glaub’, das ist so eine typische “Stärken/Schwächen Bewerbungsgesprächsaussage”. Was Teamwork wirklich bedeutet, bekommt man wohl erst mit, wenn man es mal geLEBT hat und dann möchte man es nicht missen.


    • Nils Langner
      am 5. August 2009 um 07:24 Uhr

      Ach ja … sehr guter Artikel. Vielen Dank und ab ins Weltall.


    • Eberhard Huber
      am 5. August 2009 um 08:18 Uhr

      @Nils … Das mit der Teamfähigkeit ist so eine Sache. Zum einen ist es wirklich so etwas wie ein Lippenbekenntnis, weil man heute teamfähig sein muss. Näher betrachtet sind allerdings die meisten Menschen in irgendeiner weise teamfähig, die Zusammenarbeit im Team fällt aber nicht vom Himmel, sondern muss in jedem Team neu erarbeitet werden. Idealerweise begreift der Teamverantwortliche (Teamleiter, Projektleiter, Chef …), die Teamentwicklung als Teil seiner Aufgabe – leider ist die Realität hier weit vom Idealzustand entfernt.

      In dem Satz

      … wenn man es mal geLEBT hat und dann möchte man es nicht missen.

      steckt ganz viel Wahrheit drin. Erfolgreiche Kooperation und positives Feedback sind – psychologisch gesprochen – starke Quellen der Identitätsfindung. Deshalb sind erfolgreiche Projekte mit geglückter Teamarbeit so gut und wichtig.


    • Malte Blättermann
      am 5. August 2009 um 09:31 Uhr

      Hallo,

      Ich denke, das “teamfähig” oft mit “nicht asozial” übersetzt wird.

      Und das sowohl von Arbeitgebern als auch Arbeitnehmern. Deshalb auch diese obligatorische Eigenschaft “teamfähig”.

      Wirkliche Teamworker gehen da völlig unter – leider.

      @Eberhard “Idealerweise begreift der Teamverantwortliche (…), die Teamentwicklung als Teil seiner Aufgabe…

      Sehr wichtiger Punkt, ein gutes Team braucht immer einen gute Leitung. Wenn ausgerechnet der Teamleiter sich nicht als Teil des Teams begreift sondern als Oberaufseher sind die Konflikte vorprogrammiert. Da helfen dann auch die “teamfähigsten” nicht.

      Aber back to Topic: Toller Artikel, lese deine Projektmanag
      ment Stories immer gern! Bitte mehr davon.

      Gruß Malte


    • Eberhard Huber
      am 5. August 2009 um 10:12 Uhr

      @malte … das “teamfähig” oft mit “nicht asozial” übersetzt wird … den Satz merke ich mir. Zum Thema Teams in Projekten gibts auf meinem Heimatblog noch mehr zu lesen.


    • Malte Blättermann
      am 5. August 2009 um 10:17 Uhr

      @eberhard Danke für den Hinweis, dein Blog ist im RSS Reader!

      Gruß Malte


    • Heiko
      am 5. August 2009 um 10:25 Uhr

      Vertrauen ! Ist meiner Meinung nach ebenfalls sehr wichtig in einem Team. Als Teammitglied will ich mich auf meine anderen Teammitglieder verlassen können. Ich denke das war bei den Mitgliedern der Apollo Mission nicht anders. Toller Artikel.

      Gruß Heiko


    • Erjaa
      am 5. August 2009 um 10:46 Uhr

      Toller Artikel.


    • Martin
      am 5. August 2009 um 10:46 Uhr

      Super Artikel!

      Neben der Thematik Teamfähigkeit finde ich den Aspekt “Die Klarheit des Ziels ist der erste Schritt zum Erfolg.” auch sehr interessant. Häufig erlebt man “Kaugummi-Projekte” bei denen am Anfang nicht genau klar ist, was eigentlich erreicht werden soll. Inklusive einem unklaren, widersprüchlichen, sich ständig ändernden Set an Anforderungen.
      Dies wird nur noch übertroffen von Projekten, wo man es am Ende auch nicht weiß ;-) .
      Ist das eigentlich ein Widerspruch zu agilem Projektmanagement, bei dem sich ändernde Anforderungen als Normalfall propagiert werden?


    • LudwigR
      am 5. August 2009 um 10:52 Uhr

      Ja das haben die amis gut gemacht, sie haben das ganze land motiviert, ich hab mal gelesen das JFK das spacecenter besucht hat, und er sah einen mann der den boden fegte, er ging zu ihm und fragte ihn was er hier macht. die antwort: Ich helfe mit einen mann auf den mond zu bringen.

      Wegen dem Beispiel der Luftfilter. Und ich wette auf der ISS ist das auch noch so. Da wurden nur die anschlüsse spezifiziert, was ihr da drinn macht ist uns egal. (Bei vielen dingen ist das wohl richtig so, hauptsache die schnittstellen sind sauber)


    • Eberhard Huber
      am 5. August 2009 um 10:53 Uhr

      @Erjaa … danke

      @Heiko … auch in Sachen Vertrauen liefert Apollo 13 ein “Exempel” die Crew im Raumschiff musste in blindem Vertrauen die Instruktionen ausführen, die die Boden-Crew sich ausgedacht hatte.

      @Martin … bzgl. agiler Vorgehensweise gibt es keinen Widerspruch, auch wenn konkrete Anforderungen erst im Laufe des Projektes ermittelt werden muss zu Beginn eine klare Vision vorhanden sein – genau wie bei Apollo als JFK die Vision formulierte. Die Nasa machte dann die “Detailspezifikation”. Z.B. gibt es in Scrum auch die “Product Vision”, die vor dem ersten Sprint klar sein muss. Die konkreten requirements werden dann erst nach und nach ermittelt.


    • Phil
      am 5. August 2009 um 11:34 Uhr

      Super Artikel, Eberhard! Danke!


    • Bonzei
      am 5. August 2009 um 12:06 Uhr

      Na da bin ich ja mal auf mein erstes Projekt im Team gespannt.
      Bisher überzeugter Eigenbrödler :)


    • ein anderer martin
      am 5. August 2009 um 22:12 Uhr

      Wunderbarer Artikel, toll geschrieben. :)
      Werd mir wohl deinen Blog auch mal anschauen müssen.


    • Eberhard Huber
      am 6. August 2009 um 15:43 Uhr

      @martin @phil … danke

      @bonzei … solange das Vorhaben von Umfang und Komplexität kein Team erfordert ist es durchaus besser alleine zu arbeiten, Team und Projekt um jeden Preis können kontraproduktiv sein. Siehe

      http://www.pentaeder.de/projekte/2009/06/15/wann-ist-ein-projekt-kein-projekt-reload/

      davon abgesehen kann Teamarbeit sehr viel Spaß machen


    • lin.gu.ist
      am 4. August 2010 um 11:20 Uhr

      Kleine sprachliche Anmerkung: wenn man nach dem “Warum” fragt, fragt man damit nicht nach dem Ziel. “Warum” fragt immer nach der Ursache, den Gründen. “Wozu” fragt nach dem Ziel, der Absicht. Warum schreibe ich das? Weil ich die Unterscheidung wichtig finde. Wozu schreibe ich das? Um euch auf diesen kleinen aber feinen Unterschied hinzuweisen.

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